Sehbehinderung erschwert Arbeitssuche

Sehbehinderung erschwert Arbeitssuche

Bild - Kugelschreiber

Trotz grosser Hürden hat ein sehbehinderter junger Mann den KV-Abschluss geschafft. Doch mit einer Anstellung will es nicht klappen.

Luca Galanti ist entmutigt. 130 Bewerbungen hat er bereits geschrieben seit dem letzten Sommer. „Doch ich habe nichts als Absagen erhalten“, bedauert der 25-Jährige. Keine Firma will anscheinend einen stark sehbehinderten Mann einstellen. Und dies, obwohl es Galanti geschafft hat, eine KV-Lehre abzuschliessen. Der junge Mann weiss sich durchaus zu helfen: Computerarbeiten führt er mit Unterstützung seines Screenreaders aus, der ihm die Schriften vorliest. Wenn Galanti in der Öffentlichkeit unterwegs ist, benutzt er einen Blindenstock. Er hat einen kleinen Sehrest und kann zum Beispiel hell und dunkel unterscheiden. Im bernerischen Zollikofen teilt er eine Wohnung mit seinem Zwillingsbruder, der ebenfalls stark sehbehindert ist. Die beiden bewältigen den Haushalt selbstständig.

Nachteilsausgleich half bei Prüfung

Der Weg bis zum Abschluss der Kaufmännischen Lehre war für Galanti mit einigen Hürden bestückt. Nach elf Jahren Grundausbildung in Spezialschulen für Blinde entschied er sich zuerst einmal für eine zweijährige Attestlehre. Diese absolvierte er in der Stiftung Battenberg, einem Ausbildungszentrum für Behinderte in Biel. „Zu Beginn war ich sehr nervös. Ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde“, erinnert er sich. „Doch wir Neuen wurden sehr herzlich empfangen und gut eingeführt.“

Neben dem praktischen Teil im Ausbildungszentrum besuchte Galanti einen Tag pro Woche die reguläre Berufsschule in Biel. Obwohl die Lehrpersonen dort keine Erfahrungen mit sehbehinderten Menschen hatten, fühlte er sich gut aufgehoben. Die Lehrmittelabteilung der Blindenschule Zollikofen bereitete seine Schulunterlagen vor,  sodass er sie in elektronischer Form zur Verfügung hatte und mit dem Screenreader lesen konnte. Für die Prüfung beantragte Galanti einen Nachteilsausgleich. Er erhielt mehr Zeit als die anderen und durfte in einem separaten Raum arbeiten. So legte er die Schlussprüfung erfolgreich ab.

Nach Misserfolg wieder aufgerappelt

Um seine Jobchancen zu erhöhen, wollte der junge Mann danach den regulären KV-Abschluss nachholen. Er erhielt eine Lehrstelle in der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern und besuchte gleichzeitig an einem Wochentag die Wirtschafts- und Kaderschule Bern. Die meisten Lehrpersonen gingen gut auf Galantis Bedürfnisse ein. Manchmal musste er aber seine Schulkollegen bitten, Unterlagen für ihn einzuscannen, damit er sie mit dem Screenreader lesen konnte. Im Nachhinein erwies es sich jedoch als Fehler, dass er nicht nochmals ganz von vorne begonnen hatte, sondern direkt ins zweite Lehrjahr eingestiegen war. „Ich hatte keinen Bezug zum Stoff, den die anderen im ersten Lehrjahr durchgenommen hatten“, erkannte Galanti. Weil sich die Noten zusehends verschlechterten, entschied er sich nach eineinhalb Jahren gemeinsam mit der Berufsbildnerin zum Abbruch der Lehre.

„Diese Niederlage machte mir zu schaffen“, erzählt der junge Mann. Dennoch rappelte er sich wieder auf und wagte einen neuen Versuch. Im September 2017 begann er nochmals mit der Ausbildung im privaten Bildungszentrum Feusi in Bern. „Ich hatte nette Schulkollegen und fühlte mich integriert. Auch die meisten Lehrpersonen waren gut.“ Nach dem schulischen Abschluss absolvierte Luca Galanti ein Jahr Praktikum bei der Übungsfirma Santis Training in Oensingen. Er arbeitete in der Debitorenbuchhaltung sowie im Verkauf, wo er Bestellungen machte, Lieferscheine bearbeitete und weitere Tätigkeiten ausführte. Mit Hilfe des Nachteilsausgleichs bestand er im Sommer 2019 schliesslich die Schlussprüfung. „Die Büroarbeit gefällt mir“, sagt der junge Mann mit italienischer Muttersprache. „Es ist vielfältig und ich schätze den Kontakt mit den Kunden.“ Nun hofft er, seine erworbenen Fähigkeiten bald praktisch einsetzen zu können.

Andrea Söldi


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